Physik des Didgeridoo
Physikalische
Grundlagen
Simulations-Grafiken

28.3.2006 -
Frank Geipel
Physikalische Grundlagen, die für die Ausprägung des typischen
Didgeridooklanges maßgeblich sind und zu der ihm eigenen Spielweise führen.
Physikalisch gesehen ist ein Didgeridoo ein mehr oder weniger
unregelmäßig geformtes Rohr, das die Form der in ihm schwingungsfähigen
elastischen Luftsäule vorgibt.
Je nachdem, ob das Mundstückende offen oder mit dem Mund abgeschlossen ist,
existiert eine unregelmäßige Reihe von Resonanzfrequenzen der Luftsäule
(Eigenresonanzen). Die Lage und Verteilung dieser Eigenresonanzfrequenzen
hängt wesentlich von der Form der Luftsäule ab.
Schlägt man mit der Handfläche auf das Mundstück eines Didgeridoos und lässt
es mit ihr verschlossen, erklingen die Eigenresonanzfrequenzen des einseitig
geschlossenen Rohres. Öffnet man das Mundstück nach dem Anschlagen erklingen
die Eigenresonanzfrequenzen des beidseitig offenen Rohres.
Jede Eigenresonanz des einseitig geschlossenen Rohres ist mit dem Mund
(schwingende Lippen) anspielbar (Grundton und Reihe der Overblows). Spielt
man die niedrigste Eigenresonanz an, erklingt der Grundton, beim Anspielen
der nächst höheren der erste Overblow, ...
[Diese Reihe der anspielbaren Eigenresonanzen ist nicht mit der
Naturtonleiter (z.B. Reihe der anspielbaren Obertöne (Flageolett) auf einer
Gitarrensaite) vergleichbar, da durch die Unregelmäßigkeit der Innenformen
diese Reihe beim Didgeridoo im Vergleich zu anderen Instrumenten nicht
harmonisch ist. Die beim Anspielen des Grundtones mitklingenden harmonischen
Obertöne entsprechen der Naturtonreihe. Aber diese Obertonfrequenzen stimmen
in der Regel nicht mit den Frequenzen der Eigenresonanzen überein.]
Beim Anspielen einer Eigenresonanz (beim Didgeridoo in der Regel die
niedrigste für den Grundton) erklingt auch immer das harmonische Spektrum
der Obertöne dieser Eigenresonanz. D.h., das 2, 3, 4,…,n-fache der
Grundtonfrequenz.
Fallen Obertöne auf vorhandene Eigenresonanzen der Luftsäule, werden diese
verstärkt und sind als „Singtöne “(s.u.) wahrnehmbar. Liegen Obertöne
zwischen den Eigenresonanzen, werden diese nicht verstärkt und sind (wenn
überhaupt) nur indirekt über die entstehende Klangcharakteristik
wahrnehmbar. D.h., das innenformabhängige Eigenresonanzspektrum der
Luftsäule filtert (verstärkt oder dämpft) das Klangspektrum der erklingenden
Obertöne.
[Singt man mit der Stimme einen Ton, der auf eine Eigenresonanz fällt,
wird auch dieser gesungene Ton verstärkt. Zusätzlich entstehen noch die
Mischfrequenzen (Summen- und Differenzfrequenzen) aus Grundton und
gesungenem Ton, die teilweise unter der Grundtonfrequenz liegen können. Für typische traditionelle Spieltechniken des NW-Arnhemlandes ist die Interaktion der Eigenresonanzen mit den Mischfrequenzen aus Grundton und Stimme (Summen- und Differenzfrequenzen) sehr wichtig und führt zu den bekannten rauhen gurgelnden Klanganteilen.]
Je ausgeprägter eine Eigenresonanz ist und je mehr Obertöne beim
Anspielen dieser Frequenz auf weitere Eigenresonanzen fallen, umso höher ist
der akustische Scheinwiderstand, der als Gegendruck wahrgenommen wird.
Das resultierende Obertonspektrum (Klangspektrum) der so schwingenden
Luftsäule wird mehr oder weniger auf die Wandung des Didgeridoos übertragen
und tritt teilweise mit ihr in Resonanz.
Der typische Klang wird über das offene Ende von der Luftsäule direkt und
über die Wandung des Didgeridoos an die Umgebung übertragen.
Mit der typischen westlichen Spielweise werden die Obertöne abhängig von den
passiven innen-formabhängigen Eigenresonanzen des Didgeridoos und durch die
variablen Resonanzräume im Vokaltrakt aktiv beeinflusst.
Die typischen traditionellen Spieltechniken aus dem NE-Arnhemland regen
durch die sehr dynamische Zungenbewegung zusätzlich noch das gesamte
Eigenresonanzspektrum des einseitig geschlossenen Rohres (z.B. beim „Cut“)
und kurzzeitig des beidseitig offenen Rohres (z.B. durch Unterdruckeffekte
bei der schnellen Retroflexstellung der Zunge) an.
Dies führt zu perkussiven Effekten einer angeschlagenen Trommel und zu den
typischen „flirrenden“ Obertönen, die wechselseitig von verschiedenen
Eigenresonanzen verstärkt werden („Obertonwobbeln“, „Obertonläuten“, s.u.).
Die wesentlichen Klang- und Spielcharakteristiken werden durch den gesamten
Querschnittsverlauf der Innenform des Didgeridoos bestimmt, wobei diese
häufig durch die Kontur im ersten Drittel nach dem Mundstück am
empfindlichsten beeinflusst werden.
Viele von eingeborenen Didgeridoobauern ausgesuchte gewachsene Eukalyptus
Didgeridoos mit besonders interessanten Klang- und Spieleigenschaften haben
oft in diesem Bereich interessante Innenstrukturen.
Aus diesem Grund sind z.B. die Klangcharakteristiken von Slidedidgeridoos
oder einfach gebohrten Eigenbauten oft sehr beschränkt, da in dem
interessanten Bereich eine weniger interessante zylindrische Form dominiert.
Übergroße Bells von >12 cm
Innendurchmesser führen häufig zu lauten Instrumenten. Oft kaschiert aber
gerade diese Lautheit eine wenig vorhandene interessante Klangcharakteristik
und wird nicht selten von wahrnehmungsungeübten Hörern als Klangqualität
interpretiert.
Obertonwobbeln (Obertonläuten)
In Instrumenten mit bestimmter Eigenresonanzverteilung der Luftsäule durch
traditionelle Spieltechniken erzeugtes schnelles wechselseitiges Verstärken
verschiedener Obertöne (5-10-mal pro Sekunde).
Sington
Bei bestimmtem Instrumenten deutlich wahrnehmbarer singender Oberton, der
durch eine Eigenresonanz der Luftsäule verstärkt wird.
22.12.2006
Simulations-Grafiken
aus einem Didgeridoo Experimental-Vortrag von Frank Geipel
weiß: Impedanzspektrum,
blau-violett:
Klangspektrum Grundton
rot-grün:
Klangspektrum 1. Overblow

Beispiel für ein Didgeridoo mit ausgeprägtem Sington (5.Oberton)
Example of a didjeridu with a prominent singing 5.harmonic

Beispiel für ein obertonwobbelfähiges Didgeridoo (zwischen 4. und 5.
Oberton)
Example of a didjeridu with a harmonic wobble pattern between 4. and 5.
harmonic

Beispiel für ein Didgeridoo mit sehr gut anspielbaren 1.Overblow und
verstärkten 2. und 5. Oberton
Example of a didjeridu with very good playable 1.overblow and prominent
2. and 5. harmonics

Beispiel für ein Oktav-Didgeridoo (1. Overblow eine Oktave über Grundton, 2.
und 3. Eigenresonanz verstärkt 2. und 3. Oberton des Grundtones)
Example of an octave-didjeridu (1.overblow one octave above the
fundamental) 2. and 3. intrinsic resonance amplifies the 2. and 3. harmonics

Beispiel für ein „trocken“ klingendes Didgeridoo mit Impedanzpeaks zwischen
dem 1., 2. und 3. Oberton, was die Verstärkung von Mischfrequenzen aus
Grundton und Stimme fördert
Example of an „dry“ sounding didjeridoo with intrinsic resonances between
1., 2. and 3. harmonics (it could amplify mixed frequencies of fundamental
and voice)